Feministische Theologie - Hulda

Frauen Kirche Feminismus Dialog Gewalt überwinden Versöhnung Frieden

Ein Essay: Gewalt und Frauen - Gewalt gegen Frauen

Vorbemerkung: Es folgt ein Essay: Ein Versuch!

Es handelt sich um einen gänzlich unwissenschaftlichen Textentwurf, der meine in vieler Hinsicht immer noch ganz ungeordneten Gedanken und Gefühle zu diesem schweren Prüfstein jeden feministischen - und besonders feministisch-theologischen Denkens. Ich bitte daher einerseits um Nachsicht, gleichzeitig aber auch um Rückmeldungen seitens interessierter Frauen.

Auch nach einem Jahr Hinschauen (versuchen), komme ich mir blind vor. Ich war mehrmals auf Frauen-Veranstaltungen im kirchlichen Rahmen zum Thema "Gewalt". Tatsächlich wurde jedes Mal als Thema der Begriff Gewalt" vorgegeben, meine spezifische Erwartung, dass über schwerwiegende Gewalttaten gegen Frauen und Kinder zu sprechen sein würde, war also im Titel nicht direkt begründet - aber es scheint mir so selbstverständlich. Vielleicht habe ich die falschen Gesprächspartnerinnen bzw. wähle die falschen Veranstaltungen, aber: Wenn ich im Rahmen des Oberthemas Frauen" über 'Gewalt' nachdenke, denke ich an Gewalt, unter der Frauen leiden. Es ist Gewalt, die in der Regel von Männern ausgeht, und es ist in der Regel massive Gewalt, an die ich denke. Auf den besuchten Veranstaltungen wurde ich überrascht:

Die einen dachten über Männergewalt nach, die die Welt(politik) (und dabei nur unter anderem die Frauen) beherrscht und darüber, wie Frauen anders auf diese Welt aufpassen würden, so dass es gar nicht erst zu dieser Gewalt käme. Gerade so, als hätte es nie eine Maggy Thatcher gegeben. Sie haben sich schöne Gedanken gemacht. Sie haben sich vorgestellt, wie die Welt von Mediatorinnen in eine friedvollere Balance geführt werden könnte. Das wäre schön - dachte ich.

Die anderen dachten darüber nach, dass die Opfer erst den Täter ermöglichen. Sie wollten einen Kreis der Liebe sich in der Welt verbreiten lassen, der Gewalt gewissermaßen die Luft zum Atmen nehmen. Dummerweise nahmen sie dabei mir den Atem, den ich doch an diesem Abend nutzen wollte, um über das Thema schwerer Gewalt gegen Frauen und Kinder zu sprechen und dies auch auszuhalten. Ob auch anderen die Luft zum Atmen geraubt wurde?

Jedes Mal sprachen sie nicht über die Gewalt, von der ich dachte, sie sei die echte Gewalt". Die einen Teilnehmerinnen dachten vielleicht gar nicht daran, anderen schwebte es vielleicht vor Augen vor, aber sie schoben den Gedanken weg. Wir wollten doch heute an die Liebe denken und uns durch diese miteinander verbunden wissen. Wieder andere dachten an die rohe Gewalt, die keinen Ausweg kennt, die nicht abwartet, ob das Opfer tatsächlich für die Opferrolle zur Verfügung steht, sondern einfach zuschlägt. Aber sie fühlten - wie von Geisterhand - dass darüber hier nicht zu sprechen sein würde. Und ich konnte ihnen nicht widersprechen. Auch mir war die Sprache weitgehend genommen. Das, was in diesen Veranstaltungen wirklich zu thematisieren gewesen wäre, ist brutal und ausweglos. Also besser schweigen. Die Frau, die durch die Veranstaltung führte, hat doch gleich zu Beginn gesagt, wir sollten uns durch eine Liebe verbunden wissen, die auch die Täter umfasst. So könne der Gewalt die Macht entzogen werden.

Es ist schwer, einen Weg zu finden, über Gewalt gegen Frauen miteinander zu sprechen - auch unter Frauen. Im Plenum war mir der Weg verstellt. Also habe ich die Leiterin am Rande der Veranstaltung darauf angesprochen, dass ich unter dem Stichwort "Gewalt" andere Themen erwarte: Sexuelle Gewalt sowie das "Überleben-nach-dem-Missbrauch". Ich wurde zurückgewiesen: Das sei nicht möglich und dies gehöre in einen therapeutischen Rahmen und sei hier nicht zu leisten.

Sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder ist der deutlichste Ausdruck der Machtverteilung in der Gesellschaft. In dem Sinne ist sie einerseits Symptom, aber doch auch eine der grundlegenden Ursachen dafür, dass es eine Frauenbewegung gibt, die für Freiheit und - gerade auch sexuelle - Selbstbestimmung der Frauen kämpft. Soll dieses einschneidende Thema nur in Therapie-Räumen zulässig sein? Und wieso Therapie? Habe ich gesagt, ich sei ein Opfer und wolle das jetzt und hier in der Veranstaltung aufarbeiten?

Mitten in dem, was heute als kirchliche Frauenbewegung (noch) sichtbar ist, gibt es keine Sprache, um sexuelle Gewalt ins Gespräch und ins Themenzentrum zu bringen und es dort zu halten. Erst einmal passt das Thema nicht dazu, dass doch die Veranstaltung ins Licht der Liebe gestellt wurde von der, die das Wort führt. Und dann ist da die Angst davor, dass alles aus dem Ruder läuft. Dass die Gewalt dann so an Raum gewinnt, dass sie die Veranstaltung zerstört - sie quasi von innen zerfrisst. Meine Nachfragen werden also nicht einmal in moderierter Form den anderen Anwesenden mitgeteilt. Alles wird mir fade und hohl. Das Schweigen tut weh.

Wie finden wir eine Sprache, die dem Anliegen (Frauenveranstaltung zum Thema 'Gewalt') gerecht wird? Das Schweigen ist in diesen Interaktionen eher Ausdruck von Hilflosigkeit, ich spüre bei meinen Nachfragen viel Unsicherheit. Vielleicht will man die Opfer vor den schmerzhaften Stichworten behüten. Auf alle Fälle wollen die anderen an diesem einen freien Abend, den sie sich in dieser Woche gegönnt haben, was Schönes erleben und positiv erfüllt heimkehren. Das will man ihnen doch nicht kaputt machen. Die Referentin anklagen, wie in der Uni den Dekan, wenn er zur Rede gestellt wurde von den rebellischen Studierenden? Sie gibt ihr vermeintlich bestes, doch lotst sie den Kahn nicht durch das verschilfte Gewässer, sondern umschifft es stattdessen - schweigend.

Es bleibt der schale Beigeschmack, dass in diesen Veranstaltungen das Thema 'Gewalt' nicht an den Hörnern gepackt wurde. Eher wurden die Hörner sorgfältig umkreist. Es wurde ein Tanz um ein tiefes, schwarzes Loch getanzt. Selbiges wurde dabei verziert durch die Erinnerung an eigene Gefühle von Neid, Eifersucht, falschem Stolz und Gier, die uns selber zu Gewalt-Anwenderinnen machen. Wie können wir immer nur an die Gewalt anderer denken und immer den Männern und Vergewaltigern was vorwerfen, wenn wir doch selber gewalttätige Gefühle hegen? Am Ende haben wir die Gewalt erst selber zu ihrem bitteren Höhepunkt hinaufgeführt, weil wir für die Gewaltspirale zur Verfügung standen? Wäre die Gewalt doch vermeidbar gewesen, wo sie geschah?

Aber es gibt ja ein Gegengift: Die Vergebung. Opfer, vergebt euren Tätern und tretet ein in unseren Kreis heiteren Erpobens von Gewaltgefühlen beim theaterpädagogischen Spiel. Dann könnt ihr auch mit uns lachen. Das macht richtig Spaß. Auch mir - das gebe ich zu. Nur bleibt da diese fade Ahnung. Ich spüre es: Wir haben einmal mehr das Thema verfehlt, aber irgendwie mussten wir es verfehlen.

 Bemerkungen:

Zu diesem Essay habe ich einen Leserinnenbrief von Rika erhalten. Ich danke Rika für diese Reaktion und für viele andere wichtige Gedanken, die ich im Gespräch mit ihr und anderen Frauen auf ihrer Homepage Gottes-Suche.de gefunden habe.

Ich möchte gerne noch einen weiteren Hinweis nachschieben: 37% der 16-80 jährigen Frauen erleben häusliche Gewalt, wie die erste Untersuchung des sog. Familienministeriums ergeben hat. Kein Aufschrei in Deutschland. Keine Kirche hat dazu auch nur ein Wort gesagt.

Mit dem Begriff "Gewalt" meine ich alle möglichen Formen von Gewalt, deren gemeinsamer Nenner die traumatisierende Wirkung auf ihre Opfer ist. Opfer sind vor allem Frauen und Kinder, aber auch hier gilt der Hinweis, dass es auch Männer treffen kann und trifft. Wenn ich im Artikel auf sexuelle Gewalt abhebe, so ist dies nur eine von mehreren Möglichkeiten.